Aus den Musikschulen

Begabungsförderung an der Musikschule Wesermarsch

Foto: Evelyn Wurm
Musikschule Wesermarsch e. V.

Da gibt es diese Autobahnen im Norden. Immer geradeaus. Eine davon liegt zwischen Bremen und Bremerhaven. Hafenverkehr. Laster an Laster. Doch da gibt es auch einen Tunnel. Den Wesertunnel. Noch nicht sehr lange verbindet er die Menschen links und rechts des Flusses. Durchfährt man ihn von Bremen kommend Richtung Westen, landet man in der Wesermarsch. Weites Land. Blau, grün, Salz in der Luft. Die Nordsee ist nah.

Wesermarsch – das ist die Heimat einer jungen Gitarren-Schülerin der Musikschule Wesermarsch mit Hauptsitz in Brake. Und dort genau wohnt die neunjährige Marietta. Hier ist sie geboren, besitzen ihre Eltern ein Strandgrundstück an der Weser. Ein Traumort unter nördlichem Himmel. Seit zwei Jahren nun ist sie Schülerin der Musikschule. Rund eintausend Schülerinnen und Schüler betreut die Musikschule Wesermarsch, allein 700 davon im Bereich Instrumentalunterricht. „Oma, die findet das ganz toll mit der Gitarre“, berichtet die Grundschülerin. Wie so oft ist es auch bei Marietta das familiäre Umfeld, welches sie zum Instrumentalunterricht motiviert hat.

Da gibt es die Akkordeon spielende Mutter, die musikalische Schwester, einen Vater, der sich viel mit Musik und Technik beschäftigt. „Wir sind eine musikalische Familie“, ist sich Marietta sicher. Beim Thema Sport in der Freizeit winkt sie ab. Keine Zeit. „Ich gehe noch zum Spanischkurs in der Volkshochschule und spiele außerdem beim Weihnachtsmärchen der Niederdeutschen Bühne mit“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Und dort, bei der Niederdeutschen Bühne, da spielt die Mutter Akkordeon, ist Marietta Teil des Bühnennachwuchses „Fleutjepieper“.

Doch in Marietta schlummerte der Wunsch nach mehr. Der Wunsch nach einem eigenen Instrument, nach einem eigenen Raum. Nur für sie. Und genau darum geht es ihrem Lehrer Ulrich Ziegeler, der Marietta seit zwei Jahren betreut: „Es war von Anfang an klar, dass Marietta ein ganz besonderes musikalisches Talent mitbringt. Hier an der Musikschule können wir einem jungen Menschen genau den Rahmen zum Wachsen geben, den jemand wie Marietta braucht“, sagt Ziegeler.

Am Anfang, da sei das mit dem Üben schon so eine Sache gewesen, bekennt Marietta: „Ich habe schon eine Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das Instrumentalspiel viel mehr Freude macht, wenn ich übe. Dann kann ich richtig was“, strahlt sie. Was den Unterricht an der Musikschule vom Schulmusik-unterricht unterscheidet, weiß das Mädchen ganz genau: „Hier kann ich die Dinge spielen, die ich möchte. In der Schule, da lernt man nicht wirklich ein Instrument zu spielen. Außerdem müssen die Instrumente in der Gruppe oft schweigen. Das finde ich ganz besonders langweilig.“ Ab und zu könne sie das in der Musikschule Gelernte in der Schule einbringen. „Da staunen die anderen dann schon“, so Marietta.

Ja, sie kann etwas. Etwas Besonderes. Etwas, das in einer mitunter oberflächlich wirkenden Zeit schwer zu finden ist: Marietta kann Ruhe. Ruhe auf und mit der Gitarre. Obwohl sie erst neun Jahre alt ist, gute und schlechte Launen hat wie jedes Kind, passiert eine Verwandlung mit ihr, sobald sie die ersten Töne auf ihrer Gitarre anstimmt: Es ist für uns eine Zeit angekommen, singt und spielt sie, die bringt uns eine große Freud. Da muss man einfach zuhören. Ist wie gebannt von einem jungen Menschen, der wirklich Musik macht. Da ist man plötzlich angefasst, es regen sich beim Zuhörer Orte, die man lange nicht gespürt hat, längst zugeschüttet und vergessen glaubte.

„Die Musikschule fördert Hochbegabte wie Marietta mit hauseigenen Mitteln. Wenn bei einem Vorspiel die besondere Begabung nachgewiesen werden kann, übernehmen wir bis zu 100 Prozent der Unterrichtskosten“, weiß Ziegeler zu berichten. „Ich mag am liebsten, meine eigenen Stücke spielen“, sagt die Neunjährige mit den wachen Augen. „Mir liegt eine fundierte klassische Gitarrenausbildung sehr am Herzen“, betont Ulrich Ziegeler, der übrigens auch der stellvertetende Schulleiter der Musikschule Wesermarsch ist. „Welche Wege die Schülerinnen und Schüler mit diesem Handwerkzeugs im Gepäck dann einschlagen, ist für mich immer eine spannende Angelegenheit“ so Ziegeler weiter. Und ab und zu, da legt Marietta schon richtig los. Da tritt die Wesermarsch mit Akkordeon und Nordseewellen in den Hintergrund: Da improvisiert sie mit Pentatonik oder Blues in E und dem festen Ziel vor Augen: „In zwei Jahren stehe ich mit meiner eigenen Band auf der Bühne.“

Evelyne Wurm