Aus den Musikschulen

Musikalischer Sprachkurs für Geflüchtete

Foto: Jens Gehrke

Musikschule Beverstedt-Hagen und Nestwerk e. V.

Mann, ist das schwer! Ich wusste gar nicht, dass Umlaute solche Probleme bereiten können. Nadia und Mohammad spitzen den Mund und sprechen mir nach: „Ööööö wie Öl“. Es klingt mehr nach Ol. Egal, weiterüben. „Eine Kuh macht Muh, viele Kuhe machen Muhe.“ Ja….da war schon viel Schönes dabei. Ok, wir drehen es um: ich versuche, ein arabisches Wort nachzusprechen – Gelächter. Es klingt nicht nach dem Original. Seien wir ehrlich: wie viele Festlandeuropäer haben nach Jahren des Englischunterrichts immer noch Schwierigkeiten mit dem th? Auch meine französische Mutter unterschlägt nach 40 Jahren in Deutschland noch äufig das H. Das Erlernen einer Sprache hat viel mit Training zu tun. Und wenn es ums Üben geht, sind Musiker Experten. Deshalb bin ich hier.

Aber von vorne: 2018 fordert das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur die Musikschulen und andere Kulturschaffende auf, reguläre Sprachkurse für Geflüchtete mit Theater, Kunst und Musik aufzupeppen, um den Spracherwerb und die Integration zu erleichtern. Was in der musikalischen Früherziehung seit Jahrzehnten praktiziert wird, müsste für Erwachsene doch auch funktionieren, so das Kalkül. 84 dieser Pilotprojekte kommen landesweit zustande. Die Musikschule Beverstedt-Hagen findet im Nestwerk e.V. in Hagen einen erfahrenen Kooperationspartner. Der reguläre Sprachkurs von montags bis donnerstags wird an zwei Tagen musikalisch unterstützt, gut fünf Monate lang. 15 Frauen und Männer im Alter von 25 bis 65 aus den Gemeinden Hagen und Beverstedt, ehemals Syrien, Irak, Iran, Eritrea und Afghanistan, machen mit. Und lachen oft. Manchmal, weil etwas komisch klingt, immer öfter, weil etwas gelingt.

Musik verbindet, spricht die Sinne anders an, aktiviert verschüttete Gehirnregionen und macht Spaß. Nach drei Monaten Kurszeit bin ich überzeugt, die musikalische Lernbegleitung fördert das Verständnis für Grammatik, erweitert den Wortschatz, verbessert die Aussprache, erleichtert den Zugang zu den kulturellen Eigenheiten unseres Landes. Wir singen (oder brummen) neue und alte Lieder über das Einkaufen, den Arztbesuch, den Imperativ, den Nikolaus, das Alphabet und die Jahresuhr. Ein Team um Manfred Grunenberg und der Musikschule Bochum hat hier mit Liedern und Methoden gute Vorarbeit geleistet (umfangreiche Downloads unter musikalischelernbegleitung.de). Mit dem Smartphone nehmen wir die Stücke und Übungen auf und teilen sie im Messenger Signal. So haben auch die Kinder der Kursteilnehmenden zuhause Landesetwas von diesen Ohrwürmern. Mithilfe von Sprechgesängen konjugieren wir so lange, bis es sitzt. „Na los fang an: (Klatsch) KÖNNEN: ich kann, du kannst, er und sie und es kann, wir können, ihr könnt, sie können alle!“ Der große Vorteil der Sprechgesänge ist die Gleichzeitigkeit. Beim regulären Sprachkurs ist die absolute „Redezeit“ pro Schüler*in sehr begrenzt. Durch rhythmisches Sprechen vervielfacht sie sich, da Tempo und Rhythmus präzise vorgegeben werden und eine Art Chor entsteht, der nicht nach Kraut und Rüben klingt. Wiederholung ist Trumpf. Üben hilft, sagt der Musiker.

Neue Ideen wecken Interesse, die Musikschule Beverstedt-Hagen erreichen Anfragen von Printmedien, Hörfunk und Fernsehen. Hoffentlich bleibt genügend Zeit fürs Ö. „Ein Floh sagt oh – viele Flöhe sagen nö.“ Ja! Es wird besser! Jede Stunde endet mit einem beherzten: „Mann (Patsch-Patsch-Patsch) war das schwer (Patsch-Patsch-Patsch) aber wir ham‘s geschafft (Klatsch-klatsch) super!“

Pascal Gentner

Hier können Sie einen Beitrag des ARD Magazins “Buten und Binnen” zum Sprachkurs unter Beteiligung der Musikschule Beverstedt-Hagen sehen.