Musikschulen & Corona

Im Frühjahr 2021 unterrichtete der Landesverband niedersächsischer Musikschulen den Sonderausschuss zur Aufarbeitung der Covid-19-Pandemie des Niedersächsischen Landtags über die Situation der Musikschulen und die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeit der Musikschulen. In die Stellungnahme flossen Ergebnisse einer Ende Februar 2021 gestarteten Umfrage des Landesverbandes zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie ein.

Öffentliche Musikschulen ermöglichen allen Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, wirtschaftlicher und ethnischer Herkunft die kulturelle Teilhabe. Sie führen Kinder frühzeitig an die Musik heran, fördern das Musizieren in der Freizeit und sorgen für den Berufsnachwuchs für künstlerische und (musik-)pädagogische Berufsfelder. Es liegt im besonderen öffentlichen Interesse, den vielen tausend Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen jeden Alters insbesondere auch in Krisenzeiten die Nutzung der vielfältigen qualifizierten Bildungsangebote ihrer Musikschulen zu ermöglichen.

Betroffen vom gegenwärtigen Verbot des musikalischen Präsenzunterrichts sind insbesondere Kinder und Jugendliche. Diese leiden unter den Kontakteinschränkungen und geraten zunehmend in Vereinsamung und Frustration. Sie brauchen gerade jetzt wieder das gemeinsame Musizieren, das mit anderen und mit sich selbst in Kontakt kommen, das Erleben von Freude und Erfolg. In psychisch und emotional belastenden Situationen wirken musikalische Bildungsangebote, die ein praktisches und kreatives Wirken und Erleben ermöglichen, entlastend und stabilisierend. Sie stärken, tragen zur Persönlichkeitsentwicklung und zu einem positiven Lebensgefühl bei. Musikschulen schaffen gute Lernräume, in denen Begegnung auch unter Einhaltung von Schutzmaßnahmen zweifelsfrei möglich wird. Oberste Priorität muss deshalb sein, vor allem Kindern und Jugendlichen einen geregelten Zugang zu kulturellen Bildungsangeboten zu ermöglichen.

Der Landesverband niedersächsischer Musikschulen und seine Mitgliedsmusikschulen unterstützen nach Kräften die Bemühungen, die gesundheitlichen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen der Corona-Pandemie zu minimieren und die Kontrolle über das Infektionsgeschehen zu behalten.
Alle Musikschulen verfügen inzwischen über umfassende und verbindliche Schutz- und Hygienekonzepte. Darüber hinaus wurden vielerorts mit hohem personellem und finanziellen Aufwand in zusätzliche Schutzausstattungen investiert und z.T. auch bauliche Anpassung von Unterrichtsräumen vorgenommen. Die Musikschulen sind vorbereitet und mittlerweile erfahren im Umgang mit den Erfordernissen der Pandemie. Sie sind verantwortliches und konsequentes Handeln und Kommunizieren gewohnt.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie im letzten Jahr ist der instrumentale/vokale Präsenzunterricht an Musikschulen nur phasenweise und unter starken Einschränkungen möglich. Außerhalb der Lockdownphasen konnten innerhalb geschlossener Räume lediglich Angebote im instrumentalen Einzel- und Kleingruppenunterricht (ausgenommen Blasinstrumente und Gesang) durchgeführt werden. Sämtliche Angebote, die das gemeinsame Singen und Musizieren ermöglichen und fördern, wie z. B. das Spielen in Orchestern und Bands, aber auch Gruppenangebote in Kitas und Schulen waren weitgehend untersagt bzw. mit starken Einschränkungen verbunden. Veranstaltungsformate wie Konzerte, Schülervorspiele, Musikfreizeiten u.a.m. sind untersagt. Maßnahmen zur musikalischen Begabungsförderung sowie berufsvorbereitende Angebote und Prüfungen können in begrenztem Umfang und allenfalls unter erhöhten Sicherungsvorkehrungen stattfinden. Die Teilnahme am Wettbewerb Jugend Musiziert, normalerweise ein alljährlicher Höhepunkt der musikpädagogischen Arbeit, ist nur per Videoeinsendung möglich.

Allen beteiligten Akteuren – Musikschulträgern, Nutzer*innen, Mitarbeiter*innen, Lehr- und Leitungspersonal, Förderern und Kooperationspartnern, aber auch Schüler*innen und Eltern – wurde und wird ein äußerstes und in Kürze nicht mehr tragbares Maß an Geduld, Flexibilität, Kreativität, Solidarität und Einsatzbereitschaft abverlangt.

Digitaler Musikunterricht als Chance in der Krise

Die Musikschulen haben i.d.R. rasch auf die neuen Anforderungen reagiert. Vielen gelang es, mit digitalen Unterrichtsangeboten den durchaus regelmäßigen Kontakt zu Schüler*innen, Eltern und Kooperationspartnern aufrecht zu erhalten. Ad-hoc Konzepte für den digitalen Fernunterricht wurden z. T. mit Unterstützung des Verbandes relativ schnell umgesetzt und durch Einrichtung von Plattformen zum Informationsaustausch sowie durch gezielte Qualifizierungsangebote fortlaufend begleitet.

Die Akzeptanz digitaler Unterrichtsangebote ist sowohl bei Lehrkräften als auch bei Schüler*innen bzw. deren Eltern durchweg hoch. Der Erfolg darf jedoch nicht über den Mangel an ausgereiften unterrichtsmethodischen Konzepten hinwegtäuschen. Auch setzen unzureichende technische Ausstattungen und fehlendes Knowhow den Angeboten deutliche Grenzen. Überwiegend müssen Lehrkräfte für den Unterricht auf ihre privaten Endgeräte zurückgreifen. Gemeinsames zeitgleiches Singen und Musizieren – etwa in Orchestern und Bands – ist im Fernunterricht aufgrund technischer Hürden (Latenzen) grundsätzlich nicht möglich. Auch können elementarmusikalische Gruppenangebote, insbesondere in Kooperation mit Kitas und Schulen i.d.R. nur sehr eingeschränkt über digitale Kanäle vermittelt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass arbeits- und vertragsrechtliche Grundlagen für digitale Angebote vielfach fehlen und auch datenschutzrechtliche Auflagen nicht immer berücksichtigt werden können.

Die Corona-Krise hat Chancen, aber auch Grenzen der digitalen Vermittlung musikalischer Angebote aufgezeigt. Unbestritten hat sie den Einsatz neuer Technologien im Musikunterricht begünstigt und erheblich beschleunigt. Digitaler Fernunterricht kann zwar kein Ersatz für Präsenzunterricht sein, jedoch stellt er eine wertvolle Ergänzung des Präsenzangebotes dar und kann temporär die faktische Schließung von Einrichtungen überbrücken oder in einer pandemiefreien Zeit ergänzen. Die Musikschulen erkennen diesen Nutzen und auch den Mehrwert der Digitalisierung, ermöglicht sie doch auch die Ansprache und Einbindung neuer Zielgruppen und die Versorgung entlegener Orte im ländlichen Raum. Nachvollziehbar ist der große Wunsch der Einrichtungen nach technischer, fachlich-organisatorischer und finanzieller Unterstützung des Verbandes, der Träger und der öffentlichen Hand. Die Digitalisierung der Musikschularbeit ist somit quasi „über Nacht“ zum vordringlichsten Thema auf der Agenda geworden. Es gilt, Musikschulen in allen Bereichen ihrer Arbeit – vom Buchungsmanagement bis zum digitalen Unterricht – schnell und entschlossen zukunftssicher aufzustellen. In einem Positionspapier zum digitalen Musikunterricht trifft der Landesverband niedersächsischer Musikschulen Aussagen zum aktuellen und künftigen Stellenwert der digitalen Vermittlung von Bildungsangeboten. Darin fordert der Verband, aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie zu lernen und die digitale Transformation der Musikschulen mit öffentlichen Mitteln zu unterstützen und zu beschleunigen. Notwendig ist ein Digitalpakt 2.0, der nicht nur die allgemeinbildenden Schulen, sondern deren Partner in der kommunalen Bildungslandschaft auf ihrem Weg in die zukunftsweisende Digitalisierung mitnimmt und unterstützt.

Wirtschaftliche Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeit der Musikschulen

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Musikschulen sind gravierend. Alle Einrichtungen stehen infolge von wachsenden Einnahmeausfällen sowie finanziellen Mehrbelastungen unter hohem finanziellen und z.T. auch unter existenziellen Druck.

Einnahmeausfälle aus Unterrichtsgebühren, entgangene Veranstaltungserlöse und stornierte Kooperationsleistungen summieren sich bislang auf ca. 5,5 Mio. Euro. Dies entspricht etwa 15% der durchschnittlichen Eigenfinanzierungsquote. Hinzu kommen Sonderaufwendungen etwa für erforderliche Hygiene- und Schutzausstattungen und technische Investitionen in Höhe von rund 1 Mio. Euro. Die Kompensation der Mindereinnahmen und Mehrausgaben erfolgte bislang hauptsächlich durch Mittel der kommunalen Träger, durch Einsparungen und Entnahmen aus Rücklagen sowie durch die Inanspruchnahme von Kurzarbeitergeld. Kurzarbeit wurde überwiegend von den privatrechtlich getragenen Musikschulen (Vereinsmusikschulen) angemeldet. Durchschnittlich befand sich knapp die Hälfte des festangestellten Personals (41%) über einen Zeitraum von 17 Wochen in Kurzarbeit.

Hilfs- und Sonderprogramme des Bundes und des Landes Niedersachsen wurden von den Musikschulen aus unterschiedlichen Gründen nur sehr zurückhaltend angenommen. Sie spielen insoweit bei der Defizitabdeckung eine nachgeordnete Rolle. Überwiegend wurden die Programme in ihrer Konzeption als unpassend für die Problemlagen der Musikschulen bewertet; kommunale Musikschulen konnten i.d.R. keine Mittel beantragen. Im Bundesprogramm „Neustart Kultur“ sind Musikschulen und andere kulturelle Bildungseinrichtungen generell von der Antragstellung ausgeschlossen. Nur rund 10% der Musikschulen haben insgesamt von Hilfsprogrammen profitiert.

Vor allem Einrichtungen in privatrechtlicher Trägerschaft schätzen die Auswirkungen der Pandemie als erheblich existenzbedrohend ein. Über 70 % der Einrichtungen sehen vor allem freiberuflich tätige Lehrkräfte in existenzieller Not und erwarten, dass diese sich beruflich neu orientieren.

Mehrheitlich befürchten die Musikschulen einen generellen Rückgang bei den Schülerzahlen und entsprechende Einnahmeverluste. Viele Einrichtungen verzeichnen bereits jetzt steigende Abmeldezahlen. Ähnliches gilt auch für z.T. langjährige Kooperationspartnerschaften mit Kitas und Schulen, die aufgekündigt wurden. Über die Hälfte der Musikschulen befürchten auch deutliche Einschnitte bei öffentlichen Fördermitteln.

Die Situation ist insgesamt gekennzeichnet durch fortlaufende hohe Einnahmeverluste, die durch alternative digitale Vermittlungsangebote nur begrenzt aufgefangen werden können. Dort, wo es möglich ist, stellt sich in Kürze die Frage, wie lange dieses noch möglich ist und toleriert werden kann.

Gleichzeitig sind in erheblichem Umfang Investitionen in zukunftsweisende digitale Infrastruktur, in die Anwendungsentwicklung neuer Technologie und in die Mitarbeiter*innen-Qualifizierung erforderlich.

Anwendbarkeit/Umsetzbarkeit der Verordnungen der niedersächsischen Landesregierung

Die niedersächsische Landesregierung hat mittels Schutzverordnungen auf die Infektionsrisiken reagiert und diese regelmäßig an die jeweilige Risikoeinschätzung angepasst. Mit den Landesverordnungen soll für alle gesellschaftlichen Bereiche ein verbindlicher Regelungskatalog geschaffen werden.

Die Orientierung in dem Regelwerk fällt oft schwer, vorhandene Spielräume sorgen in einem druckvollen Klima nicht selten für Verunsicherung, Spekulationen und Fehlinterpretationen. Oft ist unklar, an welcher Stelle öffentliche Musikschulen in der Gesamtsystematik eingeordnet sind, ob als Schule, als Freizeiteinrichtung als Kultur- oder Veranstaltungszentrum oder als außerschulische Bildungseinrichtung. Zum Teil werden Musikschulen namentlich nicht erwähnt. Auch ist nicht immer eindeutig, ob und unter welchen Einschränkungen ein Betrieb der Einrichtung erlaubt ist.

Viele Bildungsangebote von Musikschulen sind an den Betrieb allgemein bildender Schulen gekoppelt bzw. sind in deren Stundentafel fest verankert. Unterschiedliche Regelungen für den Musikunterricht in den „Allgemeinen Corona-Schutzverordnungen der Landesregierung“ und den „Corona-Rahmenplänen Schule und Kita“ erschweren bzw. verhindern eine verantwortungsvolle gemeinsame Bildungsarbeit. Widersprüchliche Regelungstatbestände und mögliche Auslegungen führen regelmäßig zu Verunsicherung und Frustration auf allen Seiten (z.B. Thema Singen und Spielen von Blasinstrumenten).

Unverständnis erzeugten auch temporär unterschiedliche Regelungen für den Musikunterricht an öffentlichen Musikschulen (Präsenzunterricht untersagt). Die an alle Akteure gestellten Herausforderungen, sich regelmäßig über veränderte Rahmenbedingungen zu informieren und sich ihnen kurzfristig anzupassen, sind insgesamt erheblich. Vor allem aber ist durch den oft fehlenden zeitlichen Vorlauf die für einen Schulbetrieb nötige Planungssicherheit nicht gegeben. Tausende Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte befinden sich in ständiger Verunsicherung und Erwartung – sie wissen freitags nicht, ob am folgenden Montag Unterricht stattfinden kann. Viele von ihnen wenden sich mit der Bitte um Auskunft und Klärung hilfesuchend an die ebenso unzureichend informierten Verbände. Hilfreich wäre ein klares Orientierungs- und Informationssystem.

Zusammenfassung und Perspektiven

  • Die öffentlichen Musikschulen in Niedersachsen verfügen über umfassende, erprobte und behördlich abgestimmte Hygienekonzepte und Kontaktregelungen, sodass eine Öffnung hin zum eingeschränkten Präsenzunterricht auch bei höheren Inzidenzwerten verantwortbar ist, wie dies gegenwärtig in 11 anderen Bundesländern gehandhabt wird.
  • Der Zugang zu analogen kulturellen Bildungsangeboten muss insbesondere für junge Menschen gewährleistet werden.
  • Grundsätzlich sollte eine stärkere Kopplung mit den Regelungen und Rahmenbedingungen des allgemeinbildenden Bereichs stattfinden. Es ist dringend erforderlich, den öffentlichen Musikschulen als stärksten Kooperationspartnern von Schulen entsprechende Handlungsperspektiven und Planungshilfen zu geben.
  • Alle Musikschullehrkräfte sollen in die Impfkategorie 2 vorgezogen werden, da sie die gleichen Zielgruppen wie Kitas und allgemeinbildende Schulen erreichen und auch direkt in den genannten Einrichtungen in Kooperationen tätig sind. Dies würde die Wirksamkeit des Infektionsschutzes deutlich erhöhen und die Eindämmung der Pandemie erheblich unterstützen.
  • Musikschulen benötigen zur Sicherung ihrer Existenz zusätzliche Mittel der öffentlichen Hand vor allem auch, um sich durch digitale Transformationsprozesse zukunftsfest und auf Augenhöhe mit den schulischen Bildungspartnern aufstellen zu können.