Wolfenbütteler Resolution

 

Die Musikalische Bildung der Zukunft benötigt ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen!

Die Delegierten der öffentlichen Musikschulträger in Niedersachsen haben auf der Mitglieder-versammlung des Landesverbandes am 15.03.2018 in Wolfenbüttel eine Resolution zum Stellenwert und zu den Perspektiven der Musikalischen Bildung in Niedersachsen verabschiedet.

Präambel

Öffentliche Musikschulen leisten einen wesentlichen Beitrag zur Daseinsvorsorge, denn Musik ist anerkannt wichtiger Teil der menschlichen Persön-lichkeit und unserer Kulturgesellschaft. Gemein-sames Singen und Musizieren fördert Werte wie Gemeinschaft, Zusammengehörig-keitsgefühl und Toleranz. Im Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Staat und Markt kommt der öffentlichen Hand beim Unter-halt öffentlicher Musikschulen eine zentrale Rolle zu. Diese erfüllen einen öffentlichen Bildungsauftrag, der nicht allein dem Markt und dem bürgerlichen Engagement überlassen bleiben kann. Vor dem Hintergrund einschneidender gesamtgesellschaftlichen Ent-wicklungen fordert die Mitgliederversammlung des Landesverbandes niedersächsischer Musik-schulen die Politik auf der Ebene des Landes und der Kommunen auf, die Kontinuität und Qualität des Musikschulangebots durch eine deutlich höhere finanzielle und personelle Unterstützung zu sichern.

Musikunterricht in der Schule

In Deutschland fällt kein Unterrichtsfach so oft aus wie Musik. In Niedersachsen gibt es infolge des Fachlehrermangels an jeder vierten Grundschule keinen Musikunterricht. Musikschulen können diese problematische Situation zwar nicht lösen, sie können jedoch mit ihren musikpädagogisch qualifizierten Lehrkräften und auf der Grundlage bereits existierender Rahmenvereinbarungen sowie erprobter Kooperationsformate flächendeckend zu einer spürbaren Entlastung beitragen. Für eine gelingende Integration von Musikschullehrkräften in den schulischen Betrieb sind neben Qualifi-zierungsmaßnahmen vor allem Finanzierungskonzepte erforderlich, die eine kostendeckende Zu-sammenarbeit ermöglichen.

Herausforderungen von Diversität und Inklusion

Mit zunehmendem Bewusstsein für gesellschaftliche Diversität verändern sich auch die Anforderun-gen an die Arbeit der öffentlichen Musikschulen. Ältere Menschen haben längst Zugang in die Musik-schulen gefunden, ebenso Menschen mit Behinderungen. Der Zuzug von Menschen aus anderen Ländern und Kulturkreisen erweitert die Vielfalt – etwa durch neue Instrumente und musikalische Traditionen. Interkulturelle Verständigung beruht auf einem wertschätzenden Miteinander. Gerade in der Musik kann dieser partizipative Prozess gelebt werden. Wichtige Gelingensvoraussetzung ist neben der notwendigen fachlichen Qualifizierung aller Akteure die Bereitschaft, sich bewusst und vorbehaltslos mit gesellschaftlicher Diversität auseinanderzusetzen. Öffentliche Musikschulen be-kennen sich dazu, durch diskriminierungsfreie Angebote möglichst vielen Menschen kulturelle Teil-habe zu ermöglichen. Obwohl sie mit ihren Angeboten bereits viele sozial- und bildungsbenach-teiligte Kinder und auch Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund erreichen, sind noch bedeutende Entwicklungen und Anstrengungen erforderlich.

Individual- und Begabungsförderung

Eine der zentralen Aufgaben von Musikschulen ist die Ausbildung des künstle-rischen und musik-pädagogischen Berufsnachwuchses. Gerade angesichts des Mangels an schulischen Musikfachlehr-kräften ist die frühzeitige Erkennung und Förderung begabter Kinder und Jugendlicher heute wichtiger denn je. Öffentliche Musikschulen müssen interessierten und leistungsbereiten Schü-ler*in-nen ein Angebotsportfolio vorhalten, welches deutlich über die Erteilung von Einzelunterricht hinausweist und einen Kanon an individuellen Unterstützungsangeboten beinhaltet. Dazu zählen Musiktheorie und Musiklehre, Rhythmik, Gehörbildung, Improvisation und Komposition, regel-mäßiges Ensemblespiel und Auftrittstraining u.v.m.. Gleichzeitig muss die fachliche Zusammen-arbeit mit Musikhochschulen intensiviert werden. Es bedarf innovativer Konzepte, die aufbauend auf regionalen und landesweiten Strukturen vorhandene Kompetenzen bündeln. Dabei sind die knappen zeitlichen Ressourcen der Schüler*innen ebenso zu berücksichtigen wie begrenzte Budgets der El-tern. Deren finanzielle Belastung ist bei der musikalischen Ausbildung ihrer Kinder schon längst an ihre Grenzen gelangt.

Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung

Der durch die Digitalisierung verursachte gesellschaftliche Veränderungsprozess betrifft auch die musikalische Bildung. Es gilt, mit technologischen Entwicklungen Schritt zu halten und vor allem Jugendliche in ihrer Lebensrealität zu erreichen. Innovative Musikvermittlungsformen, medien-gestützter Unterricht, Online Tutorials und E-Learningformate gewinnen bereits jetzt an Nachfrage. Spielerische Lernangebote – Stichwort Gamification – eröffnen völlig neue Möglichkeiten der Ausein-andersetzung mit Musik und fördern den Aufbau von musikalischen Communities mit hohem Identi-fikationspotenzial. Der digitale Wandel betrifft auch die Musikschulverwaltungen: Webbasierte Buchungs-, Stundenplan- und Abrechnungssysteme, vernetzte App-Lösungen und integrierte social media Konzepte für zeitgemäße kunden- und mitarbeiterorientierte Prozesse müssen implementiert
werden. Musikschulen benötigen zur technischen Ausstattung von Unterrichtsräumen, zur Entwick-lung von Softwarelösungen, zur Bereitstellung digitaler Endgeräte und Qualifikation ihres Personals zusätzliche finanzielle Mittel.

Niedersächsisches Musikalisierungsprogramm „Wir machen die Musik!“

Jedes Kind hat das Recht auf kulturelle Teilhabe! Das erfolgreiche und bundesweit beispielgebende Musikalisierungsprogramm „Wir machen die Musik!“ des Landes Niedersachsen eröffnet bereits heute vielen tausend Kindern in Niedersachsen einen Zugang zur Musik. Gerade vor dem Hinter-grund der unzureichenden musikalischen Ausbildung von Erzieherinnen und des Mangels an Fach-lehrkräften an allgemein bildenden Schulen kommt den aufsuchenden Angeboten der Musikschulen in Kindertageseinrichtungen und allgemein bildenden Schulen größte Bedeutung zu. Um das Musi-kalisierungsprogramm noch stärker zielgruppenorientiert auszurichten und nachhaltig in den Regi-onen zu verankern, verfolgt der Landesverband niedersächsischer Musikschulen in Abstimmung mit dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur einen ausdifferenzierten Plan zur strategischen Programmentwicklung. Ziel ist es, das Programm kontinuierlich in der Fläche aus-zubauen und vor allem mehr Kinder aus wirtschaftlich und sozial schlechter gestellten Familien mit einem musikalischen Angebot zu erreichen.

Erforderliche finanzielle und personelle Ressourcen

Die Bildungsarbeit der öffentlichen Musikschulen geschieht im Landesinteresse. Vielfach überneh-men die Musikschulen Landesaufgaben, ob in Kooperation mit Kindertageseinrichtungen und all-gemein bildenden Schulen oder in der Begabtenförderung mit integrierter Studien- und Berufs-vorbereitung junger Menschen.

Der Landesverband niedersächsischer Musikschulen appelliert gleichermaßen an das Land Niedersachsen und an die kommunalen Musikschulträger, ihrer gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft der musikalischen Bildung gerecht zu werden und entstandene Schieflagen zu beseitigen

Vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Entwicklungen müssen Musikschulen und deren Mitarbeiter*innen befähigt werden, die komplexen Herausforderungen der Zukunft meistern zu können. Ziel muss sein, noch mehr Menschen unabhängig von wirtschaftlicher, sozialer und kul-tureller Herkunft, gemeinschaftsstiftende und persönlichkeitsstärkende Zugänge zu den musika-lischen Angeboten öffentlicher Musikschulen zu ermöglichen. Es gilt, Eltern und Familien zu ent-lasten und vor allem bildungsferne Menschen mit qualifizierten musikalischen Bildungsangeboten anzusprechen. Ein wichtiger Schlüssel dazu ist ein verstärktes Engagement öffentlicher Musikschu-len in Kindertageseinrichtungen und allgemein bildenden Schulen. Durch den gezielten Ausbau der Individual- und Begebungsförderung müssen zudem deutlich mehr junge Menschen darin unter-stützt werden, den Beruf eines/r Musiklehrer/in anzustreben und zu ergreifen.

Dass eine Chancengleichheit für weite Teile der Bevölkerung nicht gegeben ist, wird mit Blick auf die gegenwärtige Musikschulförderung im Bundesvergleich mehr als deutlich. Das Flächenland Nieder-sachsen rangiert bei der anteiligen Finanzierung öffentlicher Musikschulen auf den hinteren Rängen. Um die gesteckten Ziele erreichen zu können, ist ein deutlicher Mittelaufwuchs, verbunden mit mehrjähriger Planungssicherheit, erforderlich.

Der Landesverband niedersächsischer Musikschulen fordert daher das Land Niedersachsen auf, seine Fördermittel für öffentliche Musikschulen zeitnah mindestens auf das Niveau des Bundesdurchschnitts zu erhöhen

Der Landesverband niedersächsischer Musikschulen bekennt sich ausdrücklich zum Stuttgarter Apell des Verbands deutscher Musikschulen (VdM). In diesem weist der Träger- und Fachverband der öffentlichen Musikschulen in Deutschland ausdrücklich auf die Notwendigkeit von festen Anstel-lungsverhältnissen an öffentlichen Musikschulen hin. Nur ein hoher Grad von Festanstellungen be- gründet ein attraktives Berufsbild des Musikschulpädagogen bzw. der Musikschulpädagogin und nur diese Perspektive schafft die Grundlage für eine ausreichende Anzahl von künstlerisch- und pädagogisch qualifizierten Studienabsolvent*innen, wie sie die Gegenwart und Zukunft der Musikschulen dringend benötigt.

Die Wolfenbütteler Resolution als PDF zum Dowmload